Sehr geehrte Frau Ministerin Geywitz,
Sehr geehrter Herr Minister Dr. Habeck,
Sehr geehrter Herr Minister Lindner,
mit höchstem Erstaunen haben wir neulich aus der Boulevardpresse Details des Referentenentwurfs zur geplanten Änderung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) zum 01.01.2024 entnehmen müssen. Die verkürzten Darstellungen in der Bild-Zeitung haben viele und heftige Reaktionen auf Seiten unserer Auftraggeber, Bauherren und auch unserer Mitgliedern ausgelöst.
Wir – das Deutsche Energieberater-Netzwerk DEN e.V. – waren und sind im Vorfeld nicht an diesem Entwicklungsprozess beteiligt. Leider haben wir den fatalen Eindruck und müssen feststellen, dass unter der neuen Ampelregierung der Rat aus der Praxis noch weniger zu zählen scheint als in den 16 Jahren der Ära Merkel. Obwohl wir als Energieberatende mit konkreten Aufgaben und auch entsprechenden Sanktionen belegt werden und auch Qualifikationsanforderungen im GEG geregelt sind, die unsere Berufsausübung betreffen, werden wir nicht gehört und erfahren nichts. Vielmehr wird die Interessenvertretung der unabhängigen Energieberatende mit absatzgetriebenen Interessen von Industrieseite gleichgestellt. Schlimmer noch: Hersteller und Propagandisten von Wärmepumpen sind eingeladen, zuständige Ministerien zu „beraten“. Unabhängige Energieberatende nicht.
Damit, sehr geehrte Frau Ministerin, sehr geehrte Herren Minister, verspielt die Politik sehenden Auges Chancen einer GEG-Novelle, welche diesen Namen verdient. Welche nicht wirtschafts-, industrie- und unternehmensgetriebenen Interessen folgt, sondern neutrale, umsetzbare und realistische Perspektiven auf die Aktivierung der Klimaschutzpotentiale im Gebäudesektor erlaubt
Wir erachten es als wenig zielführend, Bauherr:innen, Eigentümer:innen und Planenden in einem Gesetz komplexe und detaillierte technische Vorgaben zu machen und unter Missachtung technischer Erfordernisse und gegen deutliche Bedenken von Praktiker:innen, Energieberatende, Handwerker:innen etc. Technologien zu verbieten, um sie dann doch wieder für eine bestimmte Klientel zuzulassen. Bereits die unzähligen Änderungen und Förderstopps im Gebäude und Effizienzbereich haben uns erheblichen Mehraufwand gekostet und treiben uns regelmäßig zur Verzweiflung und binden völlig unnötige Kapazitäten.
Politik kann nicht Physik aushebeln.
Wir erleben zurzeit, dass teilweise völlig ungeeignete Gebäude mit Wärmepumpen ausgestattet werden, bzw. neue Anlagen nicht optimiert werden. Dadurch entstehen hohe Betriebskosten für die Nutzer:innen. Daher muss zwingend das Thema Monitoring und tatsächlicher Verbrauch in den Fokus gelangen. Um die Klimaziele wirklich zu erreichen, müssen auch Regelungen in den Bauordnungen etc. auf den Prüfstand und insbesondere Vollzug und tatsächliche Umsetzung dieser Regelungen verbessert werden.
Statt einer ideologisch determinierten Technologiebeschränkung müssen alle Bestrebungen dahin führen, den Energieverbrauch zu senken. Das funktioniert nicht über den Austausch von Medien oder Wärmeerzeugern, sondern durch eine Absenkung der Heizlast und damit verbundene Wärmedämmmaßnahmen.
Das Deutsche Energieberater-Netzwerk hat bereits 2017 einen Fünf-Punkte-Plan für ein nachhaltiges und praxistaugliches GEG vorgeschlagen.
- Begrenzung des mittleren U-Wertes als Anforderungswert an die Gebäudehülle und Begrenzung des Fensterflächenanteils (keine Glashäuser, die ohne passiven Sonnenschutz mittels Simulation schön gerechnet werden), um in klimatischer Hinsicht zukunftsfähige Gebäude zu bauen und dem sommerlichen Wärmeschutz gerecht zu werden.
- Anforderungswert für den maximalen Primärenergiebedarf unter Berücksichtigung des nichterneuerbaren und erneuerbaren Anteils als Maßstab für den Ressourceneinsatz (perspektivisch sind ggf. neue Kennwerte erforderlich, deren Entwicklung durch Forschungsprojekte untersucht werden muss).
- Mindestwert für die Deckung des Primärenergiebedarfs durch Erneuerbare Energien (ggf. Vorgaben für die Effizienz der Anlagentechnik).
- Einführung eines Maximalwertes für den CO2-Ausstoß als Maßstab für die Klimaverträglichkeit perspektivisch ergänzt (ähnlich dem Schweizer Modell, z.B. durch Mobilitätsfaktoren u.a.)
- Monitoring der Verbrauchsdaten zur Erfolgs- und Qualitätssicherung
Eigentlich sollte Deutschland aus dem Dieselskandal gelernt haben: Man kann technische Kennwerte und Physik nicht überlisten oder politisch bestimmen.
Chance auf funktionierendes GEG nicht verspielen!
Die Politik sollte sich vielmehr darauf fokussieren, Randbedingungen zu schaffen, z.B. klare Vorgaben und eine funktionierende und massentaugliche moderne Förderung entwickeln. Mit monatelanger Bearbeitungsdauer und inkonsistenten Einzelfallentscheidungen in der Gebäudeförderung, ohne staatliches Kreditprogramm für Einzelmaßnahmen und ohne ein deutlich verschlanktes und von kleinteiligen Kennwerten entschlacktes Gebäudeenergiegesetz werden wir die notwendige Sanierungsquote nicht erreichen.
Das Thema Altersvorsorge muss außerdem mitgedacht werden, denn jahrzehntelang hat man in Deutschland auf Wohneigentum als Vorsorge gesetzt. Jetzt entwertet man Gebäude durch Vorschriften, die sich vielfach nicht in die Realität umsetzen lassen. Wirklich unabhängig und klimaneutral wird der Gebäudebestand erst, wenn der Verbrauch deutlich sinkt und nicht nur Energieträger ausgetauscht werden.
Die Politik wäre gut beraten, Energieberatende und deren Wissen einzubinden sowie deren Expertise in Fachbeiräten zu nutzen. Als beratende Sachverständige sind wir vom Deutschen Energieberater-Netzwerk ausschließlich unseren Auftraggebenden verpflichtet. Wir sind keine Missionare ideologiegesteuerter widersinniger Verbote. Anderenfalls verspielt man – wie gesagt – sehenden Auges eine technologische und klimapolitische Chance und raubt nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlage.