DEN-Vorstand informierte sich bei Ineratec über klimaneutrale Brennstoffe
Vor dem Hintergrund der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz ruft das Deutsche Energieberater-Netzwerk DEN e.V. zu mehr Aufgeschlossenheit und größerer Flexibilität bei der Entwicklung und der Einführung neuer, klimafreundlicher Technologien der Energieversorgung auf. „Es gibt eine Menge guter und vielversprechender Konzepte, die helfen können, den Ausstoß an Treibhausgasen zu vermindern, ohne dass man gleich komplette Infrastrukturen ersetzen müsste“, sagt der Vorsitzende des DEN, Dipl.-Ing. Hermann Dannecker. „Die Entwicklung solcher Technologien wird vielfach gefördert und mit Preisen ausgezeichnet. Wenn es aber um ihre Einführung in Deutschland geht, scheinen sie an bürokratischen Hürden und hohen Abgaben zu scheitern.“
Dannecker äußerte sich bei einem Informationsbesuch des Startup-Unternehmens Ineratec GmbH in Karlsruhe. Das Unternehmen entwickelt, baut und vermarktet Anlagen der „Power-to-Liquid“-Technologie (PtL), also der Erzeugung flüssiger Kraftstoffe mit Hilfe erneuerbarer Energiequellen. Ineratec wurde erst kürzlich mit dem Deutschen Gründerpreis 2018 in der Kategorie „Startup“ ausgezeichnet.
„Wir müssen weg von der Nutzung fossiler Brennstoffe, sonst werden wir das Klimaproblem nicht lösen“, sagt Dannecker. „Öl und Gas lassen sich auch synthetisch erzeugen und dann klimafreundlich einsetzen. „Power-to-Gas“ und „Power-to-Liquid“ sind dabei Schlüsseltechnologien, mit denen der Wärme- und der Verkehrssektor klimaneutral gestaltet und betrieben werden könnten. Die grundlegenden Verfahren dafür gibt es seit langer Zeit. Jetzt müssen sie durch innovative Unternehmen angepasst und optimiert, wirtschaftlich umgesetzt und an den Markt gebracht werden. Allerdings scheint die praktische Anwendung in Deutschland auf größere Hürden zu stoßen als im Ausland.“
Dr.-Ing. Tim Böltken, einer der drei Gründer des Unternehmens, stimmt dem zu. Ineratec habe inzwischen neun PtL-Anlagen gebaut und ausgeliefert, unter anderem nach Finnland, Spanien und in die Schweiz. Sie seien in der Lage, nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren ein ganzes Spektrum an Kohlenwasserstoffen zu erzeugen. In zwei Schritten werde Wasser aufgespalten, mit Strom, der aus erneuerbaren Quellen stammt; bei dieser Elektrolyse entstehe Wasserstoff und Sauerstoff. Dann erzeuge man mit diesem Wasserstoff und mit CO2 in sogenannten Reaktoren unter Druck beliebige Kraft- oder Brennstoffe, etwa Diesel, Kerosin, Benzin oder Heizöl. Sie seien klimaneutral und eigneten sich für jegliche vorhandene Verbrennungstechnik, sei es im Verkehrs- oder im Wärmesektor. Diese PtL-Anlagen seien noch vergleichsweise klein und ließen sich etwa in einem Schiffscontainer unterbringen. Man könne sie daher dezentral und flexibel in besonders sonnen- und windreichen Regionen einsetzen; sie seien hochskalierbar, also zu größeren Anlagen zu verknüpfen, so der Ineratec-Geschäftsführer.
Dannecker begrüßt diese Entwicklungen: „Mit solchen synthetischen Kraft- oder Brennstoffen ließen sich vorhandene Motoren und Heizungsanlagen weiterhin nutzen. Es müssten nicht komplett neue und teure Infrastrukturen geschaffen werden, weil dann nicht alles elektrisch betrieben werden müsste. Insbesondere für den Heiz- und Wärmemarkt könnte dies interessant sein.“
Der Ingenieur verweist darauf, dass in Deutschland von den ca. 21 Millionen Heizungen noch rund 13 Millionen alte Gas- und Ölheizungen in Betrieb seien, die in den kommenden Jahren ausgetauscht werden müssten. „Wenn es gelänge, solche Anlagen nicht mit fossilen Brennstoffen, sondern mit synthetischen, klimaneutralen zu betreiben, wäre dies ein bedeutender Beitrag, Treibhausgase einzusparen. „Defossilisierung“ heißt das Stichwort, nicht unbedingt „Decarbonisierung“. Das Potential dieser PtL- und PtG-Technologie ist groß.“
Es könne nach Einschätzung von Ineratec zwar noch ein bis zwei Jahre dauern, bis solche synthetischen Brennstoffe in großem Stil erzeugt würden, aber es schade nicht, frühzeitig einen Blick in die Zukunft zu werfen. Dannecker: „Das alles ist natürlich nur sinnvoll, wenn wir gleichzeitig die größtmögliche Energieeffizienz anstreben und unseren Verbrauch drosseln. Im Gebäudesektor heißt dies, in ersten Schritten gut zu dämmen und die Heizung zu modernisieren, um Energieverluste möglichst zu minimieren. Erst dann machen auch solche Innovationen Sinn.“
Allerdings, so fürchtet Dannecker, könnte das deutsche Steuern- und Abgabensystem Technologien wie PtL den Durchbruch erschweren oder ihn gar verhindern: „Wir sollten unser System von Steuern, Abgaben und Gebühren auf die Frage überprüfen, ob es den Erfordernissen eines dringend notwendigen Klimaschutzes gerecht wird. Vielleicht sollten wir uns in Deutschland mehr an den Möglichkeiten orientieren, welche Konzepte und Technologien bieten, und nicht vor allem die limitierenden Faktoren ins Feld führen. Da scheint ein Ungleichgewicht zu herrschen.“