Über kalte Wärme, revolutionäre Softwareprogramme und das Drama der Ökobilanz
Kalte Nahwärme könnte die Wärmeversorgung revolutionieren. Sie macht eine finanzierbare, nachhaltige Energiewende denkbar. Das war eines der Ergebnisse des DEN-GRE-Kongresses zu dem das Deutsche Energieberater-Netzwerk (DEN) e.V. am 23. und 24. September eingeladen hatte. Wissenschaftler/innen und Fachleute aus der Praxis diskutierten unter dem Titel „Energieeffizienz & Klimawende“, wie Gebäude und Industrie zukunftsfähig gestaltet werden können. Neben zahlreichen optimistisch stimmenden Beiträgen wurde mit der Ökobilanzierung aber auch ein Thema angesprochen, das die Branche vor neue Herausforderungen stellt.
Die Vorsitzende Jutta Maria Betz resümiert: „Es waren zwei produktive, wie inspirierende Tage. Viele Vorträge haben gezeigt, welche Projekte es für die Klimawende wirklich braucht. Genau deswegen veranstalten wir alle zwei Jahre den DEN-GRE-Kongress. Wir wollen die Branche zusammenbringen, wir wollen aufzeigen, was bereits möglich ist und wie weit die Technik und Praxis schon sind“.
Vom Kapital zum Wohnraum: Ins Handeln kommen
Diesem Anliegen wurde der Auftaktvortrag von Prof. Dr.-Ing. Jens Knissel (Universität Kassel) mehr als gerecht. Mit dem „Intracting“ stellte er ein Modell vor, dass die Finanzierung von energetischen Maßnahmen möglich macht. Es nutzt ein überschaubares Anschubkapital und die Zuordnung der Einsparung für Reinvestitionen. Knissel sucht nun Partner/innen aus Politik und Wirtschaft, um Energieeffizienz dort umzusetzen, wo bisher die Ressourcen zur Umsetzung fehlen.
Auch Benedikt Empl M.Sc. (Forschungsinstitut für Wärmeschutz e.V.) ist in seinem Beitrag neue Wege gegangen, hat sich gefragt, wie viel Wohnraum und Ressourcen „wirklich“ gebraucht werden. Energieberatende könnten, so seine These, das Thema Suffizienz voranbringen, Bedürfnisse früh erfragen und mit ihnen planen. Im Ausland gäbe es dazu schon inspirierende Projekte: In der Schweiz würden Genossenschaften Menschen kleinere Wohnungen anbieten, wenn Kinder oder Partner ausziehen. Wird es abgelehnt, steigt die Miete.
Gebäude und Versorgung zusammen denken: Klimaneutralität erreichen
Ob Wohnraumbedarf, Gebäudehülle oder Wärmenetz: Effizienz, muss – so eine Botschaft der Konferenz – auf allen Ebenen in den Fokus rücken: Für die Gebäudeseite zeigten Dr. Burkhard Schulze Darup (schulze darup & partner) und Tanja Schulze (Passivhausinstitut) auf, wie sich anspruchsvolle Projekte realisieren lassen. Schulze Darup rechnete vor, dass ein klimaneutraler Gebäudebestand nach wie vor erreichbar ist. Man müsse in erster Linie die Sanierungsrate der schlechtesten Gebäude erhöhen (verdoppeln), die Kapazitätsgrenzen des Handwerks adressieren und die Preise für den Einbau von Wärmepumpen senken. Es sei eine Herkulesaufgabe. Wie diese angegangen werden kann, demonstrierte Schulze Darup anhand von mehreren Schulsanierungen. Mithilfe von Passivhaus-Komponenten hätte man den Heizwärmebedarf teilweise um mehr als 80 Prozent senken können.
Auf der Versorgungsseite zeigte Prof. Thomas Giel (Hochschule Mainz), was kalte Nahwärme leisten kann. Das Netz arbeitet mit Temperaturen nahe der Umgebung, eine Wärmepumpe im Gebäude hebe sie auf das nötige Heizniveau und könne im Sommer auch kühlen. Gegenüber warmen Netzen bieten sie – so legt er dar – überschaubare Infrastrukturkosten, flexible Wachstumsmöglichkeiten und mehr Wertschöpfung vor Ort. Die Wärme lasse sich dabei auch aus Gewässern, Garagen oder sogar Straßen gewinnen, die dadurch zugleich gekühlt würden. Entscheidend sei dabei die saisonale Speicherung. Giels Fazit: „Lokal gewonnene Energie muss schmecken wie selbstgemachte Marmelade“.
Damit diese kalten Netze ihr volles Potenzial entfalten, muss die Hydraulik der Wärmepumpe optimiert werden. Mit dieser setzte sich Prof. Dr.-Ing. Alexander Floß (Hochschule Biberach) auseinander. Es brauche – so legt er in seinem technischen Vortrag dar – versierte Expert/innen, um die „Diva der Wärmeerzeuger“ effizient zu nutzen. Die DEN-Akademie bietet Sprechstunden und Web-Seminare mit ihm zu dem Thema an.
Nachhaltig Sanieren: Gebäudedaten erheben und sinnvoll
Wie Maßnahmen tatsächlich wirken, zeigt sich erst im Betrieb. Deshalb setzte der Kongress einen weiteren Schwerpunkt auf Gebäudedaten. „Wir müssen den Blick auch auf das lenken, was Gebäude im Rahmen der Nutzung verbrauchen, vor wie auch nach der Sanierung. Eine gute Datenlage kann teure Nachbesserungen verhindern, Investitionen sinnvoll lenken und langfristig das Vertrauen in die Wärmewende stärken“, erklärt Stefanie Koepsell, Vorstandssprecherin des DEN.
Jörg Ortjohann (Stiftung Energieeffizienz) stellt die Initiative Nachweisbasierte Baumethodik und ihre gemeinwohlorientierte „sustainable data platform“ vor. Mit dieser könnten Gebäudedaten erhoben, validiert und transparent nutzbar gemacht werden. Ortjohann zeigte zudem auf, dass sich an dieser Schnittstelle von Gebäudedaten und effizient laufender Anlagentechnik neue Geschäftsfelder auftuen, dass es Menschen brauche, die nach einer Sanierung die Effizienz im Blick behalten.
Im Fokus des Beitrages von Prof. Dr.-Ing. John Grunewald (Technische Universität Dresden) stand ein niedrigschwelliges Gebäudesimulationsprogramm, um in Zukunft die Gebäude und die Haustechnik näher an der Physik auslegen zu können, statt wie üblich über Berechnungsvorschriften aus Normen. Dafür sollte es zukünftig einheitliche Regeln für die Simulation geben. Darüber hinaus zeigte er interessante Projekte der Quartiersplanung, zur kalten Nahwärme und Vereisungsspeicher bei denen digitale Zwillinge und Realität in Einklang gebracht wurden. Dass auch im Ausland über die Digitalisierung große Fortschritte möglich sind, zeigte Simon Wössner (Fraunhofer-Institut) am Beispiel des Westbalkans. Dort habe man gemeinsam mit lokalen Akteuren ein System entwickelt, um Gebäudedaten zu erfassen und zu bewerten. Eine Schnittstelle erlaube Ministerien mit schmaler Besetzung eine einfache Handhabe. Anders als Deutschland arbeiten Länder des Westbalkans mit nationalen Gebäudedatenbanken. Diese könnten – so betont Koepsell in der Moderation – die Gebäudewende sinnvoll und datenbasiert begleiten.
Transformation der Industrie und das Drama der Ökobilanz
Der DEN-GRE-Kongress hat auch die Transformation der Wirtschaft in den Blick genommen. So diskutierte Kerim Torolsan (Universität Stuttgart) den Energieeffizienzindex der deutschen Industrie, eine Befragung von Unternehmen, bei der auch das DEN beteiligt ist. Die Unternehmen würden zwar mehr in Effizienz investieren, dem Thema aber zunehmend weniger Bedeutung beimessen. Nachhaltige Veränderungen könnten durch gesetzliche Vorschriften angestoßen werden. Ein erstaunliches Ergebnis war auch, dass bei niedrigeren Energiepreisen die Befragten mehr in Effizienz investieren würden.
Winfried Schöffel warf einen kritischen Blick auf die neuen DIN SPEC 91606, mit der die Ökobilanzierung einheitlich und rechtsicher standardisiert werden sollte. Man sei gescheitert – so das Urteil Schöffels. Das beteiligte Konsortium habe komplizierte und in der Praxis wenig taugliche Regeln formuliert. Die Stimme der Energieberatung wäre nicht berücksichtigt worden und das obwohl diese jene Regeln in die Praxis übersetzt – zumindest bis jetzt. Relevant sei hauptsächlich der Anhang und die noch zu erstellenden Daten- und Arbeitsblätter (DaBis).
Klimawende durch Energieberatende
Der DEN-GRE-Kongress 2026 hat gezeigt: Die Klimawende ist (noch) möglich, vor allem dann, wenn die vorgestellten Projekte, Modelle und Programme in der Breite ankommen. Dafür braucht es Energieberatende; sie sind der Weg in die Praxis. Sie planen den klimaneutralen Gebäudebestand und arbeiten an der Transformation der Industrie. Ihr Potenzial ist damit nicht ausgeschöpft: Für Suffizienz sensibilisieren, ein durchdachtes Monitoring begleiten, für kalte Nahwärmenetze werben – das alles könnten sie leisten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dafür brauchen sie Rückendeckung von der Politik. „Wir brauchen mehr als große Worte, wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und Gelegenheit unsere praktische Sichtweise in die Entwicklungen für die Klimawende einzubringen“, so die DEN-Vorsitzende Betz.
Hier finden Sie die Pressemitteilung im PDF-Format zum herunterladen.
Weiterführende Links
→ Das aktuelle Energiestudio mit Benedikt Empl (Podcast vom DEN)
→ Das aktuelle Energiestudio über „Kalte Nahwärme“ (Podcast vom DEN)
→ Seminare mit Prof. Dr. Alexander Floß
→ Das aktuelle Energiestudio mit Jörg Ortjohann (Podcast vom DEN)
→ Nachweisebasierte Baumethodik im Fokus: Pressemitteilung vom 14.01.2026
→ Das aktuelle Energiestudio mit Prof. Dr. John Grunewald (Podcast vom DEN)
Impressionen zum GRE-Kongress
Bild 1: Prof. Floß über die Hydraulik der Wärmepumpen
Bild 2: Jutta Maria Betz (Vorstand) und Stefanie Koepsell (Vorstandssprecherin)
Bild 3: Gruppenbild
Bild 4: Konzentriertes Zuhören
Bild 5: Dr. Schulze Darup über einen klimaneutralen Gebäudebestand
Bild 6: Abendessen mit Überraschungen und gutem Austausch
Bildrechte: © Rafael Michel / DEN e.V.





